«Place like this» or «Less is a bore».
Gedanken zu einer geführten Car-Reise und den ästhetischen Prinzipien, den plastischen Interventionen und der Phänomenologie des Künstlerduos Michael Meier & Christoph Franz im Stadtgefüge von Zürich, am 28.9.2017.


Das Cover zeigt ein zertrümmertes Haus im Gazastreifen mit Einschlaglöchern. Es ist das Foto auf dem neuen Album Holiday Destination von Nadine Shah. Place like this ihr neuer Song. Es ist ein politisches Album, in der Musik schlagen die Gitarren Alarm. Shah singt von Toten im Essen und vom Stau im Lande. Die Gegensätze in ihren Texten hat sie der Wirklichkeit entnommen. Pop als Reportage.

Objektivität und Unsichtbarkeit

Die Forderung nach einem unvoreingenom-menen Blick ist einer der wichtigsten Aspekte im Buch Learning from Las Vegas, von Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour von 1972. Dabei geht es um die Stadt, wie sie ist, und nicht, wie sie sein soll. Das entspricht der Vorgehensweise der Architekten, die Stadt mit einer Beobachtungskamera, welche auf dem Auto aufgepflanzt wurde, zu dokumentieren. Die Bemühungen von Venturi, Scott & Co kreisen um Objektivität und den Blick auf den Alltag, wie das Martino Stierli in seinem Buch Las Vegas im Rückspiegel (2010) beschreibt. Dem utopischen Idealismus des Modernismus setzten sie damit einen pragma-tischen Realismus entgegen.
Ein vergleichbar harmloses Spiel mit ästhet-ischem Schein betreiben Meier & Franz mit der Unsichtbarkeit. Der Besucher muss glauben, was ihm erzählt wird. Doch die (betriebsame) Heiterkeit täuscht. In ihrer neuen Arbeit Der Durchschnitt als Norm wurde aus den ehemaligen Nagelhäusern an der Turbinen-strasse in Zürich Rückbaumaterial gewonnen, um daraus ein Gegengewicht für den Ausleger eines Turmkrans zu produzieren. Dieses Gewicht geht in den Bestand einer professionel-len Kranfirma über, wodurch es auf einer Grossbaustelle, an der Gorwiden 14 in Zürich, zum Einsatz kommt.

Stadt in der Stadt

Die Car-Reise #3 führt uns zusammen mit den Künstlern und Experten an drei städtische Schauplätze der konzeptionellen Eingriffe von Meier & Franz. Diese Interventionen stehen nicht in einem Kriegsgebiet, führen uns aber an Orte in der Stadt, die genau so an Konflikte der Zeit mahnen, wie die Musik von Shah. Hier wird nicht gefragt nach «How we`re gonna sleep tonight?», aber Brennpunkte wie Aufwertung, Verdichtung, Wohnraumknappheit und immobilienwirtschaftliche Spekulationen behandelt.
Die Leere ist das eigentliche Potenzial der Stadt; indem alle Stadtteile wie Inseln in einem Meer schweben, wird die Diskontinuität ihrer einzelnen Teile durch Leerstellen zusammengehalten. Urbane Leere als Folge von Umbrüchen oder von Abwanderung. Nach diesem Prinzip scheint mir, steuern Meier & Franz ihre künstlerische Korrespondenz zwischen Form und Inhalt und lenken die Diskussion besonders auf den städtischen Leerraum und machen damit aufmerksam, dass das Gleichgewicht städtischer Erneuerungs-prozesse gestört ist. Die bereits erwähnte, aktuelle Arbeit Der Durchschnitt als Norm, wird von einer Publikation ergänzt, die in Zusam-menarbeit mit Experten aus unterschiedlichen Feldern und Perspektiven entstanden ist. Darin wird auf die Wichtigkeit von alternativer Gebrauchsfreiheit im städtischen Raum, und auf Orte der Leere und derer symbolischen Abwesenheit verwiesen. Somit arbeiten sie mit dem poetischen Anspruch die Augen derer zu öffnen, die verlernt hatten zu sehen, dass eine Architektur und ein Städtebau des Alltags, die visuelle Umwelt der Stadtbewohner weit mehr bestimmt, als das angenommen wird.

Less is a bore oder Ästhetischer Widerstand

Was entfalten die Interventionen von Meier & Franz für eine Wirkung? Ist der Blick der Künstler objektiv? Repräsentiert er Wirklichkeit, dokumentiert er? Wenn ja, kann er so der Forderung nach Alternativen im städtischen Räumen nachkommen, in Zeiten wo die Auf-bruchsstimmung in der Gesellschaft weg ist?

Ihre künstlerischen Eingriffe sind meistens materiell, skulptural und geprägt von einem starken ästhetischen Willen. Ihre neusten Kunstwerke und Eingriffe, die auch in Museen ausgestellt werden, sind vom klassischen Begriff Less is more geprägt. In einer der neusten Interventionen, dem Krangewicht, löst sich das Kunstwerk vom Betrachter, es wird unsichtbar und in einem ökologischen Gefüge weiterverwendet. Im Werk Complexity and Contradiction in Architecture, um auf Robert Venturi zurückzukommen, fordert der Architekt mehr Widersprüche und Anspielungen in der Architektur, und setzt so den Begriff Less is more von Mies van der Rohe ein Less is a bore entgegen. Eine These, die für eine noch weniger minimale Ästhetisierung, zugunsten einer kritischen Haltung, auch im Werk von Meier & Franz sprechen würde.
Um auf den oben genannten Titel Place like this zurückzukommen: Müsste, um Polyvalenz in der Planung zu fordern nicht ein (neuer) ästhetischer Widerstand erfolgen und ein architektonischer Aufstand geprobt werden, wie sie z.B. der Architekt Arno Brandlhuber mit seiner Antivilla fordert? Er erklärt die Ruine zum neuen Fundament des Bauwesens. Interessant an seiner Arbeit ist, das ihn die klassische Arbeit am Computer nicht mehr interessiert. Er baut jetzt mit StudentInnen Fernsehsender. (ArchitektInnen werden zu JournalistInnen.) Offen bleibt die Frage, wie man mit plastischen Eingriffen, typographischen, rhetorischen und mit stilistischen Mitteln, einen stadtplanerischen oder auch politischen Diskurs anstossen kann.
Das Krangewicht oder Der Durchschschnitt als Norm kreist sehr hoch, einsam, formell und ästhetisch. Das unsichtbare Kunstwerk in der Leere zwischen Himmel und Erde, wie an einem Trapez, ist von grosser poetischer und artistischer Tragweite. Beim Blick in die Höhe muss der Betrachter glauben, dass der Beton aus gentrifiziertem Kies gewonnen ist, Arbeitende ihre zahlbaren Wohnungen in der Stadt aufgeben mussten, zugunsten von Verdichtung und Erneuerung. Nicht das Sichtbare, sondern das Behauptete, löst hier die Verstörung aus.

Daniel Samuel Suter
Michael Meier & Christoph Franz build. From planks, chipboard, timber battens, concrete and other readily available materials they construct buildings, shelters, would-be functional structures. In the park outside the Kunsthaus Glarus they made Kino (Cinema, 2012), with several raked rows of hard seats that faced a shattered wooden screen, echoing the vanda- lism of the disused Glarus cinema. For Art in the City in Zurich they built Tankstelle (Petrol Station, 2012), a rudimentary building showing signs of neglect, the small forecourt continuous- ly illuminated by a few neon tubes. Their grand installation Springbrunnen (Fountain) during the Swiss Art Awards in Basel in 2012 could have been a podium for prize winners, but was pimped with jets of water that tumbled down the centre and on either side of the structure.

The solidity and scale of these sculptures grants them self-evident gravitas, though the basic materials used and the rough finish challenge this. They are left raw, frequently untreated and screws and joints are not masked. Meier & Franz view their works as 1:1 models, which informs the aesthetic and the point at which they halt construction. The works do the minimum required to fulfil their purposes and to draw the outline of a building archetype.
As models the works also operate as experi- ments in space making and, by extension and thanks to their size, the activation of those spaces. In his essay ‘Translations from Drawing to Building’, Robin Evans highlights the imper- fection inherent in the process of making mani- fest a plan on paper, given the leaps of interpre- tation and comprehension required en route.
Meier & Franz’s works could be seen as a mid-point in this process, a stage of trial and error, for visual and conceptual deliberation, that acknowledges the complexity of the translation.(1) Which befits a practice that looks at the margins of the built environment, be that the fringes of a city where living space becomes transit zone, liminal elements of buildings like fire escapes or garages, or overlooked, derelict urban spaces. In these ambiguous spaces cities are working out what they could be or will become.

Aoife Rosenmeyer

1 Robin Evans, Translations from Drawing to Building and Other Essays, 1997, Janet Evans and Architectural Association Publications